Dienstag, August 29, 2006

Nihilistisches Blogging

Die Sommerausgabe von Lettre International (Nr. 73) druckt einen Essay des Medientheoretikers Geert Lovink: Digitale Nihilisten. Wie die Blogosphäre den Medienmainstream unterminiert.

Lovink gesteht zu, dass es angesichts der unübersehbaren Vielzahl und Vielfalt an Blogs, nahezu unmöglich sei, allgemeine Einschätzungen über ihre Natur abzugeben, aber gerade dies sei notwendig, geradezu "von strategischer Bedeutung" (und behauptet damit natürlich die strategischen Bedeutung seiner eigenen Einschätzungen). Zwar weist er auch auf die Funktion von Blogs als "Instrument für das Management des Selbst" im Hinblick auf Wissensmanagement einerseits und Öffentlichkeitsarbeit des Bloggers in eigener Sache andererseits, aber sein Fokus liegt auf der Konfrontation von Massenmedien und Blogosphäre.

Dabei wird Bloggen für Lovink zum Feed-Back-Kanal für Mainstream-Medien: "Bloggen bedeutet lediglich, auf Nachrichten mittels eines Links zu verweisen und diese mit wenigen Sätzen zu ergänzen [...]", durch Menschen, die "aufgehört haben, an die Medien zu glauben". Ihre Bindung an die Massenmedien sei daher nihilistischen Charakters: "Bloggen ist ein nihilistisches Verfahren, weil es die Struktur der Eigentümerschaft der Massenmedien hinterfragt und attackiert." Und weiter: "Blogs bringen Verfall. Jeder neue Blog soll seinen Teil zum Untergang des Mediensystems beitragen, das einst das 20. Jahrhundert dominierte".

Und der ein oder andere poststrukturalistische Emphatiker scheint da schon auf Lovinks Schulter zu sitzen:

Blogger sind Nihilisten, weil sie "zu nichts gut sind". Sie veröffentlichen ihre Artikel in ein Nirwana hinein und haben die Vergeblichkeit in eine produktive Kraft verwandelt. Sie sind die Parteigänger des Nichts, die den Tod der zentralisierten Bedeutungsstrukturen feiern und dabei ungerührt die Anschuldigung ignorieren, sie produzierten nur sinnloses Rauschen.

Diese terminologische Mobilmachung klingt dann doch ein wenig nach medientheoretischem Pfeifen im Walde, das die nicht zu leugnenden Unübersichtlichkeit verscheuchen möchte.

Die "Struktur der Eigentümerschaft der Massenmedien" - meine Freunde von der linkshegelianischen Front sprechen da ebenso kühn wie konzis von Besitzverhältnissen - sind es ja gerade eher nicht, die da der Attacke unterliegen. Es ist der Zugang zur Öffentlichkeit (als anonymer Markt der Aufmerksamkeit, also "Nirwana"), der - die technologischen und ökonomischen Barrieren gesenkt, die Hemmschwellen mediatisiert - demokratisiert wird. Diesen Strukturwandel der Öffentlichkeit würde ich mir präzise und in weniger metaphorischer Rede beschrieben wünschen.

Und bevor ich's vergesse: auch die Sommerausgabe von Lettre ist wie immer ausgesprochen lesenswert.

1 Kommentare:

οι σκιές μιλάν schrieb...

The text (both in English and in German) is now available in Eurozine,

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Freitag, 05 Januar, 2007  

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